Insgesamt zu viert machten wir uns also auf den Weg in die Glocknergruppe. Zuerst mit 2x Shuttlebus und „Schrägaufzug“ hoch zu den Hochgebirgsstauseen Kaprun. Dieses „personenbefördernde Schienenfahrzeug“ erinnerte an eine Plattform zum Anstehen, die sich aber auf einmal im Ganzen nach oben bewegte. Wir wollten aber möglichst schnell dem Trubel und den hohen Temperaturen entschwinden und machten uns schnurstracks auf Richtung Heinrich Schweiger Haus. Am Anfang des Steigs wartet eine Metallbox auf alle Gäste, mit der Bitte, man möge doch etwas aus der Box mit nach oben nehmen. Man muss dafür wissen, dass die Hütte zwar direkt an Strom angeschlossen ist und die Wasserversorgung scheint auch in diesem trockenen Sommer kein Problem zu sein, doch hat sie keine Materialseilbahn. Heliflüge werden nur dreimal pro Saison genehmigt (Stichwort Schutzgebiet), somit müssen frische Lebensmittel CO2 neutral per Pedes nach oben befördert werden. Wir ließen uns nicht lumpen und jede steckte einen Liter Tomatenmark und/oder ein paar Zwiebeln in den Rucksack und los ging es.
Die Hütte dankt es einem mit einer schönen Terrasse inklusive eines wunderbaren Panoramas auf die beiden Stauseen und die Gletscherwelt südlich der Seen. Zuerst konnten wir noch ein bißchen Sonne tanken, doch dann zog es wie angekündigt immer mehr zu. Der richtige Zeitpunkt unser Hauptanliegen, das Wiesbachhorn zu planen. Leider verschlechterte sich der Wetterbericht für den nächsten Tag zusehends. Jetzt sollte auch schon vormittags Regen fallen mit einem gewissen Gewitterrisiko und nach Mittag dann richtig schütten. Nachdem ein Großteil der Tour exponiert am Grat entlang ging, war uns und auch einigen anderen Gästen die Vorhersage zu heikel und wir vertagten die Tour auf Sonntag, unserem Ersatztag. Andere hatten keinen Puffer eingeplant und stiegen unverrichteter Dinge ohne Gipfel wieder ab. Da es kaum Alternativen von der Hütte gab, hieß es „ausschlafen“, gemütlich frühstücken und dann mal schauen. Tja, die Realität war, dass die Vorhersage komplett daneben lag, bis auf einen ganz kurzen Minischauer gegen 10 Uhr blieb es fast den ganzen Tag trocken und sogar überwiegend sonnig. Defacto hätte man die Tour zu fast jeder Zeit unternehmen können. Nunja, hinterher ist man immer schlauer. Wir hatten so einen entschleunigenden Tag auf der Terrasse in der Sonne mit leckerem Kaiserschmarrn und ein bißchen Trockenübungen zum Thema Standplatz, Knoten und behelfsmäßigem Seiltragebauen.
Also dann eben am Sonntag. Mit Thermofrühstück ging es los, da wir ja am gleichen Tag noch absteigen und nach Hause fahren mussten. Zuerst ein kurzer Klettersteig, dann markiert zum unteren und oberen Fochezkopf. „Nun über den luftigen, firnüberzogenen Kaindlgrat“ schreibt mein Bruckmann Führer aus dem Jahr 2007. Tja, Firn ist inzwischen Geschichte und luftig war da gar nichts. Das war ein breiter, komplett aperer Grat, den man fast mit einem geländegängigen Kinderwagen hätte begehen könnte. Gut, dass wir die Eisausrüstung gleich im Auto ließen. Nachdem der weitere Weg nicht markiert war, fanden sich immer wieder Trittspuren in allen möglichen Richtungen, aber immer nach der Devise, alle Wege führen nach Rom oder eben auf‘s Wiesbachhorn. Für den finalen Gipfelaufschwung wählten wir hinwärts die Direttissima am Grat über geschichtetes Gestein und runterwärts die Serpentinen im Bergschotter. Wir waren die zweiten am Gipfel und konnten eine ganze Weile die Aussicht in Ruhe genießen. Obwohl es ganz gut aufriss, blieb der Großglockner die ganze Zeit über dicht verhüllt in seiner eigenen Wolke stecken, ansonsten war uns das Wetter aber wohlgesonnen, wenn es auch etwas windig da oben war. Als wir dann die Herden, die den normalen Frühstückslot wählten, heranstürmen sahen, traten wir lieber schnell den Rückzug an und machten an einem windgeschützten Eckchen eine kurze Vesperpause. Da Abstieg ansonsten wie Aufstieg war, ist von der Tour nun auch schon alles erzählt. Den oft gelobten Kuchen auf der Hütte mussten wir aber dann auch noch mitnehmen, bevor wir uns wieder Richtung Tal, Hitze und „Schrägaufzug“ begaben.
Ein herzliches Dankeschön an Lydia, sehr schön, dass es im dritten Anlauf endlich mit dem Wiesbachhorn geklappt hatte. Manchmal braucht man einfach etwas Geduld.
Martina